Schon als kleines Kind weigerte ich mich vehement Gedichte unter dem Weihnachtsbaum vorzutragen oder an öffentlichen Schulaufführungen teilzunehmen. Ich hasste es an die Tafel zu müssen oder der
Klasse meine Aufsätze vorzulesen. Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Ich habe immer noch einen Horror davor Reden zu offiziellen Anlässen zu halten und ganz besonders hasse ich es, meine eigenen Texte zum Besten zu geben. Das alles sind also hervorragende
Vorraussetzungen um an einer Lyrik-Lesung in Berlin teilzunehmen.
Einer meiner Dichterkollegen nannte das Konfrontationstherapie und das war es wohl auch in erster Linie.
Zu meinem Vortrag kann ich nicht viel sagen, außer: Ich habe gelesen und ich habe es überlebt. Also kann ich das durchaus als persönlichen Erfolg werten und was noch angenehmer ist: Das Publikum
hat es auch überlebt. Was allerdings weniger an mir, sondern an den sechs anderen wirklich außergewöhnlichen Lyrikern lag, die meinen kleinen Auftritt, dank ihrer professionellen und wunderbaren
Darbietungen, Gott sei Dank, schnell in Vergessenheit geraten ließen.
Nachdem bis kurz vor 20 Uhr kaum ein Zuschauer eingetroffen war und wir davon ausgingen die Lesung in einem recht familiären Rahmen abhalten zu müssen, füllte sich das Lokal doch noch, so dass
wir einen wirklich tollen Abend in angenehmer Atmosphäre im Café Provinz in Berlin Neukölln verbringen konnten. Das Publikum war begeistert, was es durch
mehr als wohlwollenden Applaus bestätigte, und die Lesenden durch die Bank zufrieden.
Hier die Texte der Lesung vom 04.10.2008:
- Der Herbst, der Dichter und dessen Traudel
- medienhain
- Die Trümmer und Dr. Tatu
- Die Kehre
- Liebes Liebchen
Liebes Liebchen
Mein Liebchen Liebleib
Traumverherzt, sei lieb
Du Leib und Leidkommerz.
wenn morgen wir
die grillen rösten
singsang auf den
zungen kosten
Bleib du lieb
Und Leidesleib.
Bleib du hier -
ich hab
bald
zeit.
© Arno Boldt
Simone Keil
- Verspielt
- Loslassen
- Abschied
- Résumé
- wieder zurück
- Ruchlose Schmähung
- Schweinerei
- Neuropsychiatrie
- Pinocchio
- Rote Liebe
- Fleisch
- Extensions
Extensions
Die Haut abgezogen,
Organe entnommen,
jetzt fressen wir denen die Haare vom Kopf,
so gierig sind wir.
Das geht noch viel weiter.
Wenn wir dank Greenpeace und World Wildlife Fund
kein Nashorn mehr bekommen,
verhilft vielleicht die Klitoris Kleopatras
blutjung genossen
uns alten Böcken auf perückte Zicken.
Und dank der Schwanzverlängerung aus dritter Welt
wird Barbie jetzt global gefickt.
Das nenn ich tolerant:
Ausländer rein.
In Einzelteilen.
© Matthias Borchelt
- Wir brauchen nicht zu flüstern
- Im Schatten neben dir
- Thanksgiving
- Zweiter Aufzug, letzte Szene
- Zwischenzeilen
Im Schatten neben dir
Die Zeit war da, doch was sind schon Minuten,
in einer Welt, die von Unendlichkeiten spricht?
Wo ist der Steg, wenn Fesseln Wege fluten
und jede Brücke zwischen unsren Ufern bricht?
War heute nicht schon letztes Jahr vergangen?
Und unser beider Morgen längst im Gestern kalt?
Sind wir durchs Kartenhaus hindurchgegangen,
um einen Platz zu finden, der sich Abschied schalt?
Ich will den Blick nicht immer rückwärts wenden,
denn wenn ich’s täte, blieb mein Leben hinter mir.
Ich muss mich drehen - selbst mit leeren Händen –
in diesem Augenblick, im Schatten neben dir.
© Margot S. Baumann
- Zuviel für mich
- U9, 3 Uhr
- Ursachenforschung
- Mein Schatz
- Willkommen 3. Welt
- Meine Meinung
Willkommen, 3. Welt
Verdammt, ich habe es verpasst,
(man sagte mir auch nicht Bescheid)
wir haben alles Geld verprasst,
nun herrscht anscheinend Not und Leid!
Erst kürzlich wars im Supermarkt
(vorm Cerealienregal)
ich kaufte, was mich stets erstarkt
und meine Muskeln formt zu Stahl,
als plötzlich um die Ecke bog
(ich kannte es nur vom TV)
ein Ding, das kaum mehr etwas wog,
nicht feststellbar, wars Kind, wars Frau;
(ich dachte einst, dies Phänomen
sei ein Problem der dritten Welt,
ich konnte nicht so recht verstehn
wie man hier ohne Not verfällt!)
und langsam hob die Knochenhand
mal dies, mal das - welch schwere Wahl.
Das Bild hat sich mir eingebrannt:
sie hungert vorm Diätregal!
© Oliver de Carvalho Gomes
- Wurzeln
- Der Philosophen Fluch
- Zweifel
- Ostern
- Deiner Augen Blicke
- Lebewohl
Lebewohl
An der Reling weht der Blick zum Meer:
Ein kurzes Winken nur, die Hand erhoben.
Abschied nehmen ohne Wiederkehr,
die Träume klein zerteilt im Sturm zerstoben.
So trennt sich, was nur kurz das Wasser teilte
und in stillem Sehnen sich verband:
Ein weitres Bluten nur, das nicht verheilte,
nicht des Andern stummes Wort verstand.
Auf dem Wind rauscht träg das Lebewohl –
Vielleicht für heute oder auch für immer.
Wehmut trinkend klingt es klagend hohl:
Ein leeres Wort nur noch ein trüber Schimmer.
© Inka Ricarda Jung
Gunter Scholz
- Von Herzen
- Vergleichsweise
- Liebesdienste
- Weich
- Nirwana
Von Herzen
Du schriebst "Von Herzen" unter deine Briefe,
vom Stimmorgan, das voller Liebe summt,
doch wenn die Liebe echt im Herzen schliefe,
in diesem Ding, das dauernd schafft und pumpt,
dann wäre ihre Stimme in der Tiefe
trotz aller Sorgen nicht so schnell verstummt.
Viel eher ruht die Liebe in den Haaren,
in Fingernägeln, in verschorfter Haut,
in Dingen, die zwar Teile von uns waren
und wuchsen, doch vom Körper abgebaut
bald von uns schieden, wenn auch erst nach Jahren –
wie Gletscherschnee, der in der Sonne taut.
© Gunter Scholtz
Oktober 2008