Simone Keil ...schreibt

Lesung in Berlin

Am Samstag, den 4. Oktober 2008, ab 20:00 Uhr, öffnen sich die Türen des Café Provinz in Berlin-Neukölln für die Dichterinnen und Dichter des Literatur-Forums 'Worttümpel'.

Kommen Sie vorbei und lassen Sie sich für eine kurze Zeit in die Welt der Poesie entführen.


Es lesen:

Nico Quast, Jahrgang 1978, ist Drittgeborener und dauerhaft semi-untalentiert, bisher gelangen 2 lyrische Veröffentlichungen im kari-kani Verlag, lebt und arbeitet als freier Journalist in Dresden.

Simone Keil, Großhandelskauffrau, Jahrgang 1971, schreibt seit zwei Jahren Lyrik und Prosa, die sie durch ihren Blog 'Hinter den Spiegeln' und in diversen Internetforen publiziert. Sie lebt mit ihrem Sohn zusammen in Hessen.

Matthias Borchelt, Jahrgang 1965, 4. von 5 Söhnen, verheiratet, vier Kinder. Aufgewachsen bei Hannover, Flegel- und Gründerjahre in Berlin, wohnhaft in der Nähe Hamburgs. Trotz Abitur bewusst keine akademische Ausbildung, daher auch weiterhin von fundierten Kenntnissen freier Moraläst und Kritimist. Provoziert gern und lässt sich gerne provozieren.

Margot S. Baumann, Jahrgang 1964, schreibt seit über 20 Jahren Lyrik und Prosa. Bis jetzt sind von ihr 5 Lyrikbände und 2 Anthologien erschienen. Im Herbst kommt ihr erster Roman 'Rigantona' als Taschenbuch auf den Markt. Margot lebt und arbeitet in der Schweiz.

Oliver de Carvalho Gomes, Jahrgang 1971, Rechtsanwalt, lebt und arbeitet in Berlin. Schreibt seit ca. 20 Jahren bevorzugt formgebundene Gedichte. Abgesehen von einigen Veröffentlichungen in Lyrik - Anthologien publiziert er vor allem in Internetforen.

Inka Ricarda Jung, 1976 in Berlin geboren, seit 1999 in Bremen ansässig, hat einen Sohn, studiert Geschichte und Germanistik, schreibt Lyrik und jobbt als ehrenamtliche Seelsorgerin und Horterzieherin, Achtung: hardcore-katholisch!

Gunter Scholtz, 38 Jahre, recht groß geworden in Berlin, schreibt sich hier und da durchs Internet, vor allem in Form von Lyrik und Kritik daran. Und er liest auch gerne mal vor. Ansonsten ist er Ingenieur, IT-Heini und schwanger.
mber 

Lesung in Berlin

- ein kleiner Rückblick -

Schon als kleines Kind weigerte ich mich vehement Gedichte unter dem Weihnachtsbaum vorzutragen oder an öffentlichen Schulaufführungen teilzunehmen. Ich hasste es an die Tafel zu müssen oder der Klasse meine Aufsätze vorzulesen. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Ich habe immer noch einen Horror davor Reden zu offiziellen Anlässen zu halten und ganz besonders hasse ich es, meine eigenen Texte zum Besten zu geben. Das alles sind also hervorragende Vorraussetzungen um an einer Lyrik-Lesung in Berlin teilzunehmen.
Einer meiner Dichterkollegen nannte das Konfrontationstherapie und das war es wohl auch in erster Linie.

Zu meinem Vortrag kann ich nicht viel sagen, außer: Ich habe gelesen und ich habe es überlebt. Also kann ich das durchaus als persönlichen Erfolg werten und was noch angenehmer ist: Das Publikum hat es auch überlebt. Was allerdings weniger an mir, sondern an den sechs anderen wirklich außergewöhnlichen Lyrikern lag, die meinen kleinen Auftritt, dank ihrer professionellen und wunderbaren Darbietungen, Gott sei Dank, schnell in Vergessenheit geraten ließen.

Nachdem bis kurz vor 20 Uhr kaum ein Zuschauer eingetroffen war und wir davon ausgingen die Lesung in einem recht familiären Rahmen abhalten zu müssen, füllte sich das Lokal doch noch, so dass wir einen wirklich tollen Abend in angenehmer Atmosphäre im Café Provinz in Berlin Neukölln verbringen konnten. Das Publikum war begeistert, was es durch mehr als wohlwollenden Applaus bestätigte, und die Lesenden durch die Bank zufrieden.

Hier die Texte der Lesung vom 04.10.2008:


- Der Herbst, der Dichter und dessen Traudel
- medienhain
- Die Trümmer und Dr. Tatu
- Die Kehre
- Liebes Liebchen

Liebes Liebchen

Mein Liebchen Liebleib
Traumverherzt, sei lieb
Du Leib und Leidkommerz.

wenn morgen wir
die grillen rösten
singsang auf den
zungen kosten

Bleib du lieb
Und Leidesleib.
Bleib du hier -
ich hab
bald

zeit.

© Arno Boldt

 

 

Simone Keil

- Verspielt
- Loslassen
- Abschied
- Résumé
- wieder zurück


- Ruchlose Schmähung
- Schweinerei
- Neuropsychiatrie
- Pinocchio
- Rote Liebe
- Fleisch
- Extensions

Extensions

Die Haut abgezogen,
Organe entnommen,
jetzt fressen wir denen die Haare vom Kopf,
so gierig sind wir.

Das geht noch viel weiter.
Wenn wir dank Greenpeace und World Wildlife Fund
kein Nashorn mehr bekommen,
verhilft vielleicht die Klitoris Kleopatras
blutjung genossen
uns alten Böcken auf perückte Zicken.

Und dank der Schwanzverlängerung aus dritter Welt
wird Barbie jetzt global gefickt.
Das nenn ich tolerant:
Ausländer rein.
In Einzelteilen.

© Matthias Borchelt


- Wir brauchen nicht zu flüstern
- Im Schatten neben dir
- Thanksgiving
- Zweiter Aufzug, letzte Szene
- Zwischenzeilen

Im Schatten neben dir

Die Zeit war da, doch was sind schon Minuten,
in einer Welt, die von Unendlichkeiten spricht?
Wo ist der Steg, wenn Fesseln Wege fluten
und jede Brücke zwischen unsren Ufern bricht?

War heute nicht schon letztes Jahr vergangen?
Und unser beider Morgen längst im Gestern kalt?
Sind wir durchs Kartenhaus hindurchgegangen,
um einen Platz zu finden, der sich Abschied schalt?

Ich will den Blick nicht immer rückwärts wenden,
denn wenn ich’s täte, blieb mein Leben hinter mir.
Ich muss mich drehen - selbst mit leeren Händen –
in diesem Augenblick, im Schatten neben dir.

© Margot S. Baumann


- Zuviel für mich
- U9, 3 Uhr
- Ursachenforschung
- Mein Schatz
- Willkommen 3. Welt
- Meine Meinung

Willkommen, 3. Welt

Verdammt, ich habe es verpasst,
(man sagte mir auch nicht Bescheid)
wir haben alles Geld verprasst,
nun herrscht anscheinend Not und Leid!

Erst kürzlich wars im Supermarkt
(vorm Cerealienregal)
ich kaufte, was mich stets erstarkt
und meine Muskeln formt zu Stahl,

als plötzlich um die Ecke bog
(ich kannte es nur vom TV)
ein Ding, das kaum mehr etwas wog,
nicht feststellbar, wars Kind, wars Frau;

(ich dachte einst, dies Phänomen
sei ein Problem der dritten Welt,
ich konnte nicht so recht verstehn
wie man hier ohne Not verfällt!)

und langsam hob die Knochenhand
mal dies, mal das - welch schwere Wahl.
Das Bild hat sich mir eingebrannt:
sie hungert vorm Diätregal!

© Oliver de Carvalho Gomes


- Wurzeln
- Der Philosophen Fluch
- Zweifel
- Ostern
- Deiner Augen Blicke
- Lebewohl

Lebewohl

An der Reling weht der Blick zum Meer:
Ein kurzes Winken nur, die Hand erhoben.
Abschied nehmen ohne Wiederkehr,
die Träume klein zerteilt im Sturm zerstoben.

So trennt sich, was nur kurz das Wasser teilte
und in stillem Sehnen sich verband:
Ein weitres Bluten nur, das nicht verheilte,
nicht des Andern stummes Wort verstand.

Auf dem Wind rauscht träg das Lebewohl –
Vielleicht für heute oder auch für immer.
Wehmut trinkend klingt es klagend hohl:
Ein leeres Wort nur noch ein trüber Schimmer.

© Inka Ricarda Jung


Gunter Scholz

- Von Herzen
- Vergleichsweise
- Liebesdienste
- Weich
- Nirwana

Von Herzen

Du schriebst "Von Herzen" unter deine Briefe,
vom Stimmorgan, das voller Liebe summt,
doch wenn die Liebe echt im Herzen schliefe,
in diesem Ding, das dauernd schafft und pumpt,
dann wäre ihre Stimme in der Tiefe
trotz aller Sorgen nicht so schnell verstummt.

Viel eher ruht die Liebe in den Haaren,
in Fingernägeln, in verschorfter Haut,
in Dingen, die zwar Teile von uns waren
und wuchsen, doch vom Körper abgebaut
bald von uns schieden, wenn auch erst nach Jahren –
wie Gletscherschnee, der in der Sonne taut.

© Gunter Scholtz


Oktober 2008


Buch-Tipp