Die Zeit hat vieles gefressen. Sie hat Erinnerungsbröckchen abgebissen und runtergeschluckt, bevor sie zufrieden rülpsend eingeschlafen ist. Übrig geblieben ist stinkender Lochkäse auf Brot. Und
ich. Auch wenn ich nicht weiß, wer das ist.
Es gibt Tage an denen ich mich erinnern kann. An den Geschmack von Preiselbeeren. An den Geruch junger Vollmondnächte. An die Akkorde von 'Get it while you can'. Und an den Sonnenaufgang in
Frisco.
Wir lagen auf der Motorhaube des Chevys. Wir berührten uns nicht. Nicht mit den Händen. Das Zischen, als die Sonne aus der Bucht brach. Zinnoberrotes Eisen. Und deine Augen. Dreifarbig. Grau,
grün und braun. Ineinander fließende Saturnringe klammerten sich an das Schwarze Loch deiner Pupille. Und ich wurde aufgesogen.
In meinem Kühlschrank liegen eine Tüte Milch, eine halbe Tafel Vollmilchschokolade und ein Paar meiner Tennissocken neben der Samstagszeitung. Ich stecke den Brief der Versicherungsgesellschaft
in das große Gemüsefach und schließe die Tür. Mein Magen knurrt.
Hast du gewusst, dass die meisten Menschen in ihrem Bett sterben? Sie legen sich hin, machen die Augen zu und wachen nicht mehr auf. Einen schönen Tod nennt man das dann. Ich werde nicht so
sterben. Ich werde mit einem Knall abtreten. Und wenn es nur ein finales Furzen ist. Ich muss Zwiebeln kaufen.
Es regnet. Natürlich, der Himmel verarscht mich. Aber er kann mich, ich werde nicht wieder rein gehen und kleinbeigeben. Nie wieder. Ich schlendere zu dem Tante Emma Laden an der Ecke und nehme
einen Beutel Zwiebeln aus der Auslage vor der Eingangstür. Zwei Straßen und fünf Gedankenfäden später werfe ich ihn in einen Müllcontainer. Die Wolken reiben sich an den Telefonmasten. Es rauscht
und knistert und schüttet. Meine Augen brennen, aber ich weiß nicht ob ich weine.
Im Rinnstein liege ich, nur viel älter. Den Kopf auf einem Arm, im anderen eine Flasche braunen Fusel. Ich will mir die Flasche aus der Hand reißen und bücke mich über meinen Körper. Mein altes
Ich erwacht und sieht mir direkt hinter die geröteten Augen. Ich erkenne mich und strecke mir die Flasche hin. Verschütte etwas auf meine Finger. Es riecht nach gestern. Nach Vergessen. Ich mache
eine Faust und schlage mir ins Gesicht. Wieder und wieder. Blut und Whisky. An der Hauswand steht eine Frau. Ihre Gesichtshaut sieht aus wie Winter am Meer. Sie singt 'Summertime'… and the living
is easy… Scheiße. Ich starre auf die vernarbte Haut meiner Hände. Zähle meine Finger. Die Fensterscheiben der Häuser. Meinen Herzschlag.
Dann stehe ich vor deiner Haustüre. Wassertropfen an meiner Nasenspitze. Um meine Nikes bildet sich eine Pfütze und ich patsche ein wenig darin herum. Wie damals, als wir vor dem Wolkenbruch
geflüchtet sind. Ich hatte Schiss, dass der Blitz einschlägt und uns röstet, mit dem ganzen Stroh und den Kühen. Burger Spezial, hast du gesagt, das wär doch mal was. Dann hast du die Augen
geschlossen und den Takt des Donners inhaliert. Die Stahlseiten meiner Gitarre schnitten in meine Fingerspitzen und erinnerten mich daran, dass ich lebe.
Du öffnest die Haustür und nimmst meine Hand. Das fühlt sich an, wie nach Hause kommen. Du siehst mir in die Augen. Du hast es geschafft, sagst du. Nein, sage ich und jetzt weiß ich, dass es
wirklich Tränen sind.
Du trocknest meine Haare mit einem roten Handtuch und küsst meine Stirn. Wir gucken einen alten Konzertmitschnitt an. Die Aufnahme ist scheiße. Die Tonspur ein Gewitterrauschen. Meine Gitarre
lacht mich aus. Ich kuschle mich in deine Armbeuge und schließe die Augen.
Ein Schimmel galoppiert durch meinen rechten Gehörgang und wirft sich mit voller Wucht gegen das Trommelfell. Mein Kopf vibriert. Ich versuche den aufgebrachten Hengst mit einem Kopfschütteln
nach draußen zu befördern. Keine Chance. Er nimmt Anlauf und steuert wieder auf sein Ziel zu. Wenn er so weiter macht, schafft er es heute Nacht bestimmt die Mauer zu durchbrechen und bis in mein
Gehirn vorzudringen. Ich frage mich, was er damit bezweckt. Auch wenn das unwichtig sein mag. Ich würde es schon gerne wissen. Ich habe seine Anläufe und die Aufprallvibrationen gezählt. Wir sind
bei 58. Ich bin müde. Ich kann nicht schlafen.
Gestern habe ich geträumt ich hätte Krebs. Unheilbar. Metastasen in allen Organen. Vielleicht noch zwei Monate und Ende. Leber, Nieren, Lunge, alles im Eimer. Und das Herz. Durchfressen von
kleinen schwarzen Gängen, die nirgends hinführen als ins Dunkel. Schwarz, dunkelschwarz, sonst nichts. Es hat mir nichts ausgemacht zu sterben. Und ich fürchtete mich nicht vor der Dunkelheit.
Aber ich hatte Angst. Angst, dir nicht erzählen zu können, wie es sich anfühlt tot zu sein.