Simone Keil ...schreibt

Schuld

Ego te absolvo a peccatis tuis in nomine patris et filii et spiritus sancti.

„Das ist bereits die Dritte in zwei Monaten. Scheiße! Verdammte scheiße!“ Becker hockt sich hin, faltet die Hände und stützt seinen Kopf ab.
Kenny lehnt mit verschränkten Armen an der Hauswand und raucht. Wenn Becker denkt, hält man besser den Mund.
„Also“, Becker sieht ihn an. „Was haben wir?“
„Nicht viel.“ Kenny schnippt die Kippe in eine Pfütze. „Drei Frauen, mittleren Alters, unterschiedliche Haarfarbe, verschiedene soziale Schichten. Es ist kein Zusammenhang erkennbar. Er scheint sie sich einfach rauszugreifen. Hat keine optischen Vorlieben. Es könnten drei verschiedene Täter sein, wenn da nicht…“ Kenny reibt sich über die Augen und steckt sich die nächste Zigarette an.
„Ja, wenn da nicht.“ Becker steht auf. „Ich bin seit 20 Jahren im Dienst. Ich hab schon viel Scheiße gesehen, das kannst du mir glauben, Junge. Aber das hier ist die beschissendste Scheiße, die mir je unter gekommen ist!“ Er spuckt aus. „Lassen wir die Spurensicherung ihre Arbeit machen und machen wir unsere.“
Kenny sieht noch einmal auf die tote Frau. Scheiße. Allerdings.

„Da passt überhaupt nichts zusammen.“ Becker wirft die Akten auf den überfüllten Schreibtisch und klopft mit seinem Kugelschreiber auf die Papiere.
„Katholisch.“
„Was?“
„Sie waren alle katholisch.“ Kenny schiebt den Ordner über den Tisch. „Das ist die einzige Gemeinsamkeit, die ich finden kann.“
„Wie viele katholische Kirchen gibt es im Umkreis von, sagen wir erstmal, 10km?“
„Nur eine einzige, gleich hinter dem Friedhof.“
„Ach ja, die kenne ich. Katherina, meine Exfrau meinte immer, ich müsste mir meine Sünden vergeben lassen und mich zu einem gottesfürchtigen Schaf entwickeln. Geholfen hat es allerdings nichts. Sie rennt aber immer noch hin.“
Das ist das erste Mal, dass Becker von seinem Privatleben spricht. Er sieht müde aus.
„Warum habt ihr euch getrennt?“, fragt Kenny. „Hat sie einen anderen?“
Becker fixiert die Pinnwand. Die Augen der Opfer flackern anklagend im Neonlicht. Gänsehaut krallt sich in Kennys Nacken und er versucht sich mit einem Kopfschütteln zu befreien.
„Mensch, Becker, dann hol‘ sie dir zurück! Zeig dem Affen wo er hingehört!“
„Mit einem wäre ich schon fertig geworden, aber mit dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist?“ Becker lacht bitter, während er seine Dienstwaffe in den Holster unter der Jacke steckt. „Also, dann werden wir mal anfangen zu beten.“

„Scheiße auch! Musst du immer mitten in einer Pfütze parken?“ Becker schüttelt seine nassen Füße aus und geht auf die kleine Kirche zu. „Abgeschlossen. Das sieht denen ähnlich. Dahinten ist das Pfarrhaus, lass uns mal klingeln.“
Der Junge guckt die Beiden nur an. Sagt kein Wort. Seine Gesichtszüge scheinen einem Kind zu gehören, aber er trägt einen Dreitagebart und hat den Körper eines Erwachsenen.
„Hallo“, sagt Kenny. „Wir sind von der Polizei. Ist der Herr Pfarrer zu Hause?“
Der Junge schüttelt den Kopf.
„Bist du allein zu Hause?“
Der Junge nickt.
Puh, das scheint ja eine tolle Befragung zu werden. Kenny streicht sich die Haare aus der Stirn, als Becker sich einschaltet.
„Na“, sagt er freundlich, „dürfen wir mal reinkommen?“ Kenny zupft ihn am Ärmel und Becker schüttelt ihn ab. „Nur mal so. Ein Besuch unter Freunden“, sagt er zu beiden. Zu Kenny und dem Jungen.
„Sie sind nicht mein Freund“, sagt der Junge mit einer überraschend melodiösen Baritonstimme.
„Hey, natürlich nicht. Noch nicht, aber wir könnten doch Freunde werden. Hm? Was meinst du?“
„Haben sie eine Pistole?“
„Ja, klar! Willst du sie mal sehen?“
„Geh ins Haus, Toni!“ Ein schwarz gekleideter Mann steht an der Gartentür und mustert Becker und Kenny aus zusammengekniffenen Augen. „Ich bin Pfarrer Ludolf. Was kann ich für Sie tun?“
„Mein Name ist Freisinger und das ist mein Kollege Becker. Mordkommission. Wären Sie wohl so freundlich und würden einige Personen identifizieren?“
„Natürlich, wenn ich helfen kann.“ Der Pfarrer starrt die Fotos an, die Kenny zeitgleich aus der Jackentasche gezogen hat und nickt. „Ja, das sind Mitglieder meiner Kirchgemeinde.“
Kenny saugt die Luft ein. Becker gibt ihm ein Zeichen zu schweigen und verschränkt die Arme vor der Brust. Seine Blicke versuchen ein Loch in Ludolfs Stirn zu meißeln.
„Der Junge, Toni, arbeitet er für Sie, Herr Ludolf?“, fragt Kenny.
„Nein… Ja, das ist der Sohn meiner Haushälterin. Er hilft mir ein wenig im Garten. Aber erklären Sie mir erst einmal, was diese Fragen zu bedeuten haben?!“
„Dürfen wir einen Moment mit Toni sprechen und ihm die Fotos zeigen?“
„Nun ja, ich bin nicht Tonis Vormund, aber meinetwegen, kommen Sie rein.“
Der Flur ist weiß gestrichen. Keine Bilder an den Wänden, nur ein hölzernes Kruzifix über der Küchentür, durch die sie der Pfarrer führt. Der Junge sitzt am Tisch, vor sich eine Tasse Kakao.
„Sie sieht aus wie ein Engel“, Toni grinst und streicht über das kleine Foto.
„Aber Engel sind im Himmel“, Beckers Stimme ist ungewöhnlich sanft und leise.
„Ja, im Himmel. Da ist es schön!“ Der Junge drückt das Foto an seine massige Brust. „Sie freut sich im Himmel zu sein, bei den anderen Engeln.“
„Und warum denkst du, dass sie im Himmel ist, Toni?“
Der Junge starrt in seine Tasse, als suche er darin die Antwort und zuckt mit den Schultern. „Wo sollte sie denn sonst sein?“ Und nochmal, zum Pfarrer gewandt, „Wo denn sonst?“.
Pfarrer Ludolf greift nach dem Foto, aber Toni knüllt es in seiner großen Hand zusammen. „Toni, gib das Foto her. Das gehört der Polizei!“
„Nein! Mein Engel!“
Der Junge springt zur Tür und Kenny über den Tisch. Er klammert sich an die Beine des riesigen Kindes und bringt es zu Fall.

„Hey Becker, was machst du für ein Gesicht? Komm schon, lass uns feiern gehen. Wir haben es uns verdient!“ Kenny grinst wie ein Honigkuchenpferd. Sein erster Fall. Und was für einer! Und in Bestzeit aufgeklärt. Wenn das so weiter geht, wird er vielleicht noch der jüngste Kommissar, des Reviers. Vielleicht kann er sogar Beckers Stelle übernehmen, wenn der in Pension geht.
„Mir schmeckt die Scheiße nicht. Nein, die schmeckt mir ganz und gar nicht!“ Becker starrt auf das Foto des Jungen. „Das ist mir alles zu glatt.“
„Ach Becker komm schon. Er war‘s. Hast du nicht gesehen, wie er das Bild in seinen Riesenpranken zerdrückt hat? Und die DNS Analyse war positiv!“
„Kam dir das nicht komisch vor, dass der Pfaffe uns so bereitwillig mit dem Jungen hat reden lassen, obwohl er nicht wusste, um was es geht?“
„Er war halt hilfsbereit“, Kenny setzt sich seufzend hin. Das war‘s dann wohl mit feiern. „Mann Becker, das ist ein Pfarrer.“
„Was wissen wir über ihn, Kenny?“
„Er betreut die Kirchgemeinde erst seit knapp zwei Jahren. Ist ruhig. Unauffällig. Ein Pfarrer eben.“ Kenny zuckt genervt mit den Schultern und fährt fort. „Vorher war er in Bayern und in Rheinland-Pfalz. Er ist in einem Waisenhaus aufgewachsen, hat danach studiert. Das ist alles.“
„Erinnerst du dich an die Mordfälle in Bad Kreuznach? Das war in den 90ern. Ach nein, du bist ja zu jung. Das war damals ganz ähnlich. Vier Frauen, keine Gemeinsamkeiten. Wurde nie aufgeklärt. Es war allerdings nicht so eine Scheiße wie hier. Sie wurden erstochen… Ach, verdammt, vielleicht bin ich einfach zu alt für den Scheiß.“
„Ludolf war Pfarrer in Bretzenheim, 95 bis 98. Das liegt etwa 10km nördlich von Bad Kreuznach. Bin da mal durchgefahren.“
„Wie alt ist Toni?“
„34.“
„Und wie lang ist die Haushälterin schon bei Ludolf?“
„Fast 40 Jahre.“

 

Die Fenster sind dunkel. Es regnet schon wieder.
„Becker, sollten wir nicht besser auf den Durchsuchungsbefehl warten?“
„Wir werden keinen Durchsuchungsbefehl bekommen.“
„Könntest du dann vielleicht mal ein bisschen Licht in deine düsteren Gedankengänge bringen? Ich hab nämlich keine Ahnung was wir hier machen.“ Kenny sieht seinen Kollegen an und Becker nimmt die Hand vom Türgriff ihres Dienstwagens.
„Ludolf war Pfarrer in Bretzenheim und wurde Ende 98 versetzt, auf eigenen Wunsch. Nach 98 gab es keine Morde mehr, richtig?“ Er wartet Kennys Antwort nicht ab. „Die Haushälterin war damals schon bei ihm, also auch Toni.“
Kenny nickt „Wenn Toni damals auch der Täter war, wird man ihn anhand seiner DNS überführen. Aber was hat das mit dem Pfarrer zu tun?“
„Ach Kenny, bist du ein Bulle oder was? Ludolf wusste davon. Und er wusste es nicht nur, er hat Toni gedeckt!“
„Scheiße!“
Beckers gibt Grunzgeräusche von sich, die wohl ein Lachen sein sollen, und schlägt seinen Kollegen auf die Schulter. „Vielleicht wird doch nochmal was aus dir!“
Die Schulter schmerzt und Kenny rutscht auf seinem Sitz nach vorne, um die Haustür besser sehen zu können. „Aber was willst du nun hier? Der Pfarrer wird sich auf das Beichtgeheimnis berufen.“
„Ich will es von ihm hören.“ Beckers Wangenknochen hüpfen auf und ab. „Ich will es einfach nur hören.“ Er öffnet die Tür. „Du wartest hier!“
Becker tastet sich durch den dunklen Flur. Die Haustür war kein Hindernis. Leise Geräusche dringen aus der Küche. Flüstern? Ja, da flüstert jemand. Er reißt die Tür auf.

Pfarrer Ludolf sitzt am Küchentisch, vor ihm eine Kerze, deren Schimmer seine Gesichtszüge gespenstisch verwischt. Er blickt Becker an und drückt die Bibel an seine Brust. „Sind Sie verrückt? Was machen Sie hier?“
„Na, beten Sie um Vergebung ihrer Sünden, Herr Pfarrer?“ So wie Becker Pfarrer betont, klingt es wie eine Botschaft aus der Hölle.
„Wir sind alle Sünder.“ Ludolf legt die Bibel auf den Tisch und wischt sich mit einem Taschentuch über die Stirn.
Becker reißt den Pfarrer von seinem Stuhl und zieht ihn dicht an sich heran. Seine Nase an der des Pfarrers. „Du hast es gewusst und du hast nichts gesagt.“
„Lassen Sie mich los, sofort!“
Keine Chance. Beckers Hände sind festgeschraubt. „Du bist genauso schuldig, wie das große Kind, das du beschützt!“
Kenny hat seine Dienstwaffe gezogen. Zum ersten Mal. Es ist zu dunkel um die beiden Gestalten genau unterscheiden zu können. „Becker lass ihn los! Mann, mach dich nicht unglücklich!“
„Halts Maul, Kenny! Ich weiß, was ich tue!“ Becker zerrt den Pfarrer in die Speisekammer. Völlige Dunkelheit.
„Wir sind allein. Keiner hört uns zu.“ Becker drückt seine Pistole in den Bauch des Pfarrers. „Ich schick dich in die Hölle, du Schwein.“ Er atmet durch und presst seinen Mund an Ludolfs Ohr. „Du hast drei Frauen auf dem Gewissen und wer weiß, wie viele noch. Gib es zu, dass du ein Mörder bist!“
Stille.
„Los gib es zu!“
„Um Himmels willen. Nein!“
„Er hat es dir erzählt. Jede beschissene Einzelheit. Und du hast ihn gedeckt! Sag es. Sag: Ich habe die Frauen getötet!“
„Nein! Bitte, lassen Sie mich los! Ich wusste es nicht und selbst wenn, ich hätte nichts sagen dürfen!“
„Sag es: Ich bin ein Mörder. Los sag es!“
Der Pistolenlauf drückt sich immer fester in den Magen des Pfarrers und er keucht.
„Ja! Ich hab‘s getan. Ich hab’s getan! Ich habe die Frauen getötet.“ Er heult, wie ein kleines Kind. „Ich war’s. Ich bin ein Mörder!“
„Jetzt fährst du zur Hölle, du Schwein. Nicht in die, die du von deiner Kanzel predigst. In eine viel schlimmere.“
„Damit kommen Sie nicht durch“, sagt Ludolf, immer noch weinend. „Das Geständnis war erpresst. Sie haben mich gezwungen das zu sagen. Ich bin an das Beichtgeheimnis gebunden. Niemand wird mich verurteilen!“
Die Bilder der Opfer hämmern an Beckers Schädeldecke und eins von ihnen ist Katherina. Er schluckt. „Doch, einer tut es.“ Becker drückt ab.

Kenny reißt die Tür auf und der Pfarrer fällt direkt vor seine Füße.
„Becker! Bist du irre, bist du total verrückt?!“ Er richtet seine Pistole auf Becker. „Gib mir deine Dienstwaffe!“

Der Pfarrer kriecht in die Küche und lehnt sich schnaufend und zitternd an einen Schrank.

 „Alles ok, Kenny. Die Kugel steckt irgendwo in der Wand.“ Becker geht vor Ludolf in die Knie. „Du wirst zur Hölle fahren. Wenn nicht jetzt, dann irgendwann.“

„Was hätte ich denn tun sollen? Was?“ Der Pfarrer faltet seine Hände vor dem Bauch, als könnte er sich selbst Halt geben. „Ich bin verpflichtet zu schweigen.“ Er blickt hilfesuchend zu Kenny und der senkt seine Waffe und die Augen. Starrt stur die Wand an.

Becker steht auf und strafft seinen Rücken. „Du hast diese Frauen auf dem Gewissen Ludolf, damit musst du leben und niemand wird dich davon freisprechen, weder auf der Erde, noch sonst wo.“ Er sieht zehn Jahre jünger aus. „Los Kenny, verhafte mich schon!“, sagt er, während er Dienstwaffe und Polizeimarke auf den Küchentisch legt. „Es wird Zeit, dass du übernimmst.“ Noch ein schmerzhafter Schlag auf Kennys Schulter. „Du bist soweit, Junge.“

 

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