Auf der Suche nach dem verlorenen Gedanken

Er hing in der Luft, wie Schwefelgeruch am Neujahrsmorgen. Ich bewegte mich so wenig wie möglich, um herauszufinden wo genau er sich befand und um ihn nicht mit einer unüberlegten, fahrigen Bewegung zu vertreiben. Er war da, ganz sicher, fast greifbar. Er schaukelte in den Ästen des Birnbaums, den ich zu Emilies Geburt gepflanzt, und der nie Früchte getragen hatte. Verfing sich in den Gardienen des offenen Küchenfensters, die einmal hinaus und ein andermal hinein flatterten, wie ein Kind, das sich nicht entscheiden kann, ob es auf den eigenen Füßen stehen oder sie doch lieber noch eine Zeit lang unter Mamas Tisch stellen möchte. Schließlich wehte er direkt an meiner Nase vorbei, tanzte einige Sekunden auf den Seilen der Wäschespinne, verdrückte sich durch den Jägerzaun und floh auf die Hauptstraße. Fast hätte ich ihm nachgebrüllt, er solle vorsichtig sein, wenn er die Straße überquert.

„Was ist denn los mit dir?“

Werners Stimme riss mich herum und ich verlor den Kontakt. Doch ich hatte noch bemerkt, dass er in die Kirchgasse abgebogen war, Richtung Marktplatz.

„Verdammt!“, sagte ich. „Verdammt, ich habe ihn verloren.“

„Wen?“

„Den Gedanken. Er war wichtig, das weiß ich.“

Werner glotzte mich mit halb offenem Mund an. Stemmte die Hände in die Hüfte und kräuselte die Nase, wie er es immer tat, wenn er sich nicht entscheiden konnte, ob er lachen oder einen seiner endlosen Vorträge halten sollte, die mit „Ich verstehe dich nicht“ begannen und mit „Ich verstehe dich einfach nicht“ endeten. Er entschloss sich für Möglichkeit drei und ignorierte was ich gesagt hatte.

„Was gibt’s zu essen?“, fragte er mit einem Blick auf seine Armbanduhr und verschwand, ohne eine Antwort abzuwarten, in seinem Hobbykeller. Dort würde er bleiben, bis ich ihn zu Tisch rief. Ich fragte mich, was wohl passieren würde, wenn ich ihn einfach nicht riefe. Käme er von alleine wieder raus oder bliebe er einfach dort unten, bis er verhungert wäre? Ich sah Werner nach.

Und wieder war er da, ganz schemenhaft nur, kaum zu spüren. Er hüpfte von Grashalm zu Grashalm. Plusterte sich auf und machte sich klein. Zog sich in die Länge, schnalzte mit einem fröhlichen Plopp an den Birnbaumstamm, prallte ab und kugelte in die Kirchgasse. Er wollte, dass ich ihn wiederfinde. Unbedingt.

Es heißt, wenn man etwas verloren hat, soll man dorthin zurückgehen, wo man es das letzte Mal bewusst gesehen hat. Ich hatte ihn hier im Garten verloren, aber wo war er das letzte Mal greifbar gewesen? Also ging ich zurück. Und ich ging nicht nur zurück, ich ging rückwärts. Zuerst hatte ich etwas Probleme damit, die Richtung zu halten, aber mit ein wenig Übung klappte das ganz hervorragend.

Am Ende der Kirchgasse begegnete mir Frau Rössel. Sie trug einen vollen Einkaufskorb und schien ziemlich gestresst zu sein, ihren geröteten Wangen nach zu urteilen.

„Sophie? Alles in Ordnung mit dir?“, fragte sie mich, mit einem Blick auf meine roten Hausschuhe und die Blümchenschürze. Und ich lachte und winkte und beteuerte ihr, dass es mir nie besser gegangen war. Und das stimmte auch. Es war ein merkwürdiges Erlebnis, sich rückwärts zu bewegen. Man geht nicht auf die Häuser und Menschen zu, man entfernt sich von ihnen und doch geht man immer weiter. Ich ging immer weiter, die anderen blieben zurück. Die Stadt blieb zurück.

Ich gelangte auf den Marktplatz, ging zum Gemüsestand, an dem ich am Morgen Tomaten und Wirsing gekauft hatte, und blieb vor der Auslage stehen. Ich wartete, ob er sich zeigt. Ob er sich hier versteckt hatte. Ich stocherte in den Kohlköpfen und stapelte Äpfel, Birnen und Tomaten von links nach rechts. Von oben nach unten. Nichts.

Die Marktfrau schnaubte theatralisch und setzte an, mich zu schelten, ihr Obst und Gemüse nicht zu zerdrücken.

„Ich kann ihn nicht finden“, sagte ich und sah sie hilfesuchend an.

„Was denn?“, fragte sie. „Haben Sie etwas verloren?“

„Einen Gedanken. Ich hatte ihn fast und dann war er weg.“

„Geht’s Ihnen gut?“ Ihre Stimme klang jetzt wirklich ein wenig besorgt. „Soll ich vielleicht jemanden für Sie anrufen?“

„Nein“, sagte ich. Ich suchte ja schließlich erst seit kurzem und wollte so schnell nicht aufgeben. „Nein, mir geht’s gut. Alles in Ordnung.“

Sie schenkte mir einen blank polierten Apfel und ich fragte mich, ob es sinnvoll wäre ihn auf dem Kopf stehend zu essen. Aber ich wollte nicht noch mehr Aufsehen erregen und so winkte ich ihr nur zum Abschied zu. Den Apfel steckte ich ein. Ich konnte mir immer noch überlegen, wie und wo er am besten zu essen wäre, wenn ich Hunger bekäme.

Der Weg durch die Fußgängerzone war nicht ganz einfach zu bewältigen. Ich wurde einige Male angerempelt und wäre fast in einen offenen Kanaldeckel gefallen, wenn mich der Arbeiter nicht freundlicherweise daran vorbei bugsiert und auch gleich in die richtige Richtung gedreht hätte.

Es wurde langsam dunkel, als ich den Stadtpark erreichte. Ich setzte mich auf eine Bank in der Nähe einer Laterne und holte meinen Apfel hervor. Ich war gerade dabei mich auf den Rücken zu drehen und die Beine über die Lehne zu schwingen, als ich ein kleines Mädchen bemerkte. Es kauerte auf den Randsteinen und beobachtete mich. Seine blonden Zöpfe wurden mit violetten Schleifen zusammen gehalten und auf seiner Nase prangten große Sommersprossen, die selbst im schummrigen Laternenlicht auffielen.

„Warum gehst du verkehrt rum?“, fragte es und setzte sich neben mich. „Bist du verrückt?“

„Ich habe etwas verloren und deshalb gehe ich zurück um es wiederzufinden.“ Ich biss in meinen Apfel und kaute und schmatzte.

Das Mädchen schwang seine Beine ebenfalls über die Lehne und ließ seinen Kopf neben meinem hängen.

„Ich habe meine Teddybären verloren, als ich noch klein war.“ Es zog einen zerknautschten Schokoriegel aus der Tasche und teilte ihn mit mir. „Aber heute weiß ich, dass er weggelaufen ist, weil ich ihm sein braunes Fell mit Ketchup gefärbt hatte.“ Es aß seine Hälfte des Riegels und stand auf. „Ich muss nach Hause“, rief es und rannte los.

Der Mond hing über den Laubbäumen und blinzelte durch die Blätter. Eine samtene Ruhe lag über dem Park, geradeso als würde er die lärmende Stadt am Eingang einfach abweisen.

Ich lachte laut auf, als der Gedanke mich am Bauch kitzelte, nach oben krabbelte und in meinen Ohren tippelte und tapste. Ja, genau hier hatte ich ihn heute Morgen gehabt. Und wiedergefunden.

Es war eine klare, warme Nacht. Einfach perfekt um verkehrtherum auf einer Bank zu sitzen und seinen Kopf baumeln zu lassen. Das meinte auch der Mond, drehte sich auf den Rücken und grinste.