Schmetterlingsblätter
- für M. -
Tick – tack – tick – tack … Es ist sein Stock. Es muss sein Stock sein, der das Geräusch in den Asphalt klopft. Der Ticktack-Mann lächelt. Er lächelt immer. Seine Augen lächeln nicht. Es ist Zeit, lächelt er ihm entgegen. Ticktackzeit, es ist soweit. Ja, er weiß es, er weiß es ja. Der Ticktack-Mann hält es ihm vor Augen, jeden Tag.
Die Wolken ziehen schneller, selbst das Blau des Himmels verändert sich schneller als sonst. Der Himmel – so weit weg. Die Hölle in ihm. Es ist Zeit. Ticktackzeit. Der Ticktack-Mann im schwarzen
Mantel, geht an ihm vorbei. Greift kurz an den Schild seiner Baseballkappe. Ein Gruß. Ein Scherz. Eine Verballhornung seines Daseins. Unwirklich. Wach und lächelnd.
Ich begegnete dem Jungen zum ersten Mal drei Tage nach seinem siebten Geburtstag. Er nähte seit Stunden Stoffreste zusammen. Ganz Konzentration. Er hatte Mühe den Faden durch das enge Öhr zu
bringen, wenn er wieder einmal herausgerutscht war. Er gab nicht auf. Er war ein Kämpfer. Fast tat er mir leid. Aber die Zeit tickt. Sekunden lügen nicht. Crescendo. Und am Ende das Finale.
Sforzato. Ach ich bin ein Dirigent. Il Maestro d’essere in vita. Ich habe auch viele andere Namen. Die jedoch nicht ansatzweise im Stande sind meine Passion zu beschreiben.
Ich klopfte den Takt seines Herzens auf den Rasen zu meinen Füßen. Ein dumpfes Geräusch. Tocktacktocktack. Sein Herz schlug Blätter von den Apfelbäumen. Befreite sie. Und sie strichen dankbar
durch sein verwuscheltes Haar, bevor sie sich in den Himmel erhoben. Wie vertrocknete Schmetterlinge, sahen sie aus. Und wieder tat er mir leid. Der Junge, der einen Traum hatte.
Er hob sein Tagwerk zum Himmel und lachte. Ein schneidezahnloses Lachen, das den Wind zwei Grad wärmer wehen ließ. Ich rückte meinen Hut gerade und schlang meinen weißen Schal fester um den Hals.
Sehr stilvoll. Distinguiert. Ich lege Wert auf ein ansprechendes Äußeres. Ein Äußeres, das die Wichtigkeit meines Daseins – seine Professionalität – betont.
Der Junge befestigte Wäscheleine an seinem nun großen, fast rund geratenen, Werk – Geschirrtücher verbanden sich mit ausrangierten T-Shirts zu einem bizarren Patchworkgebilde – und knotete die
Enden an seinen blauen Rucksack. Und dann sah er mir direkt in die Augen. Nur für die kurze Zeitspanne, in der sich sein Herz auf den nächsten Schlag vorbereitete. Aber er hatte mich gesehen.
Kein Zweifel.
Ich folgte ihm, in einem kleinen Abstand von vielleicht fünf Sekundenschlägen. Er rannte den Berg hinter seinem Elternhaus hinauf, dass ihm trotz der kalten Herbstluft, die Haare an der Stirn
klebten, über die verlassenen Wiesen, bis zu dem steilen Abhang der Kiesgrube. Er hielt den Schirm fest in der Hand und sein Gesicht in den Himmel. Er strahlte Sicherheit aus, wie es nur ein
siebenjähriger Junge kann, der im Begriff ist seinen Traum zu leben. Und dann sprang er.
Das Blut aus der Stirnwunde malte Bilder auf den großen Stein. Ein Hase, ein Auto, eine Tulpe. Seine Beine verkantet, in ungewöhnlichem Winkel unter seinem kleinen Körper. Der Fallschirm
ausgebreitet, umfing ihn in weichen Wellen. Ticktack schlägt das Kämpferherz. Tick – tack. Decrescendo. Durchbrochen von unrhythmischen Akzenten. Ich hockte mich neben ihn. Wartete. Und wieder
sah er mich an. „Nein!“, flüsterte er mir zu. „Noch nicht. Ich will erst noch mal den Himmel spüren.“
Ich weiß nicht warum ich es tat. Es waren nicht seine Worte. Es war nicht seine Hand, die sich vertrauensvoll in meine legte. Vielleicht war es sein Herzschlag – der Herzschlag eines Kämpfers –,
der meine Seele erweichte. Ich habe keine Seele meinen Sie? Oh doch, die habe ich, auch wenn sie Ihnen schwarz und eng erscheinen mag.
Er saß im Rollstuhl, seit diesem Tag, aber seine Träume waren ungebrochen. Und ich folgte ihm. In meiner Hand die Zeit, die unnachgiebig weitertickt. Tick und tack. Er lernte lesen, rechnen und
schreiben. Er lernte die Menschen kennen, die an ihm vorbei sahen, als wäre er Luft. Er lernte niemals wieder zu gehen. Aber das brauchte er auch nicht. Der Himmel kennt keine Barrieren. Macht
keine Unterschiede. Und er lernte zu warten.
Er sieht mich immer noch. Ungewöhnlich, ja, aber nicht unmöglich, wie sich von selbst versteht. Er sieht mich und er hört seinen Herzschlag, den er meist mit dem Geräusch meines Stockes
gleichsetzt. Und wahrscheinlich hat er recht damit. Im Laufe der Jahre – es sind auf den Tag genau neun – habe ich wohl das Tock meines Stockes dem Tack seines Herzens angeglichen.
Simone Keil