Fünfzig
Wenn die Sonne das Wasser berührt und Blau und Rot ineinander läuft, scheint die Zeit für einen kurzen Moment still zu stehen. Wenn die gegensätzlichen Elemente miteinander verschmelzen, ist es
als ob die gesamte Materie an diesem einen einzigen Punkt gebündelt und verschlungen wird. - Als wären Anfang und Ende, und alle Zeitalter der Welt an diesem einen Ort vereint.
Ich sauge die salzige Luft tief in meine Lungen und schließe die Augen, um das Gefühl dieses Momentes zu speichern.
Eins
"Nimm die Hände aus den Hosentaschen und steh gerade!" Dario schlägt mir mit der flachen Hand auf den Hinterkopf. Ich nehme Haltung an. Die Arme fest an den Körper gedrückt, das Kinn nach oben,
stehe ich kerzengerade da und lasse die Begutachtung über mich ergehen; es ist bereits die zweite in dieser Woche.
Tommy steht direkt neben mir, so dass ich spüren kann, wie er zittert. Ich höre sogar seine schiefen Zähne klappern und hoffe, dass Dario es nicht bemerkt.
Tommy ist um einiges kleiner, aber kräftiger als ich. Er hat ziemlich große Hände, und seine Arme scheinen eher einem Orang-Utan zu gehören, als einem Menschen. Seine Nase ist krumm und pickelig.
Ja, er ist ein ziemlich hässliches Stück. Aber wenn man in seine Augen sieht, fühlt es sich an als käme man nach Hause.
Einer der Männer zieht mir den Kiefer auseinander, um den Zustand meiner Zähne zu untersuchen. Dann betastet er langsam meinen schmalen Oberkörper. Er hat einen langen, grauen Mantel an. Sie
tragen immer Mäntel in verschiedenen Schwarz- oder Grautönen.
„Es soll die Hosen runter lassen!", sagt er zu Dario. Sie sprechen uns nie direkt an und uns ist es streng verboten, sie anzusprechen.
„Tu was er sagt!" Wieder bekomme ich den obligatorischen Schlag auf den Hinterkopf. Ich öffne langsam meinen Gürtel, den Knopf und den Reißverschluss meiner Jeans.
Doch dann halte ich inne und blicke dem Mann - nicht Dario - direkt in die stechenden, schwarzen Augen und sage: „Nein".
Totenstille. Tommy hört sogar auf, mit den Zähnen zu klappern. Dario läuft feuerrot an, atmet zweimal tief ein und es wird dunkel um mich herum.
*
„...siebenundzwanzig, achtundzwanzig..."
Tommy zählt und schlägt bei jeder Zahl die Stirn gegen die Bretterwand. Es wird nicht mehr lange dauern, also warte ich, bis er damit fertig ist. Ich öffne vorsichtig meine zugeschwollenen Lider.
Tommy steht, die Hände in den Hosentaschen, das Gesicht an das rohe Holz gedrückt, neben meiner Matratze und sieht mich an. Rotz läuft ihm aus der Nase. An seinen ausgelatschten Turnschuhen klebt
Schlamm.
„Hey Tom", ich nicke vorsichtig in seine Richtung. Er nickt zurück, das bedeutet: alles klar. Tommy spricht nicht viel. Ich habe ihn noch nie etwas anderes sagen hören, als die Zahlen von eins
bis fünfzig.
„Hast du schon mal das Meer gesehen, Tommy?"
Er schüttelt langsam seinen Kopf und zuckt mit den Schultern.
Es regnet. Der Wind klatscht besonders dicke Tropfen an die Plastikfolie, die uns als Fenster dient. Ich schließe meine Augen, glaube zu spüren, wie große Wellen an den Strand schlagen, im
Zurückfließen Muscheln, Steine und Sand mitsichreißen und schlafe, mit einem leichten Salzgeschmack auf der Zunge, wieder ein.
*
Als ich nochmals erwache, wird es schon langsam hell. Das riesige Gebirge, aus dem die dunklen Männer kommen, scheint von innen heraus zu glühen. Ich fröstele.
Die Schmerzen sind immer noch unerträglich und ich frage mich, ob auch nur ein einziger Knochen in meinem Körper noch heil sei, während ich versuche meine Beine zu bewegen. Vergeblich.
Tommy hat mich anscheinend von unserem Verschlag heraus, durch den Dreck, bis in den Hof gezerrt. Ich kann die Schleifspuren sehen. Tom steht am Zaun, die Hände in den engen Maschen verkrallt und
starrt angestrengt nach Osten; über den Bäumen des entfernten Waldes geht gerade die Sonne auf.
Er muss gespürt haben, dass ich aufgewacht bin, denn er dreht sich zu mir um und deutet aufgeregt zum Himmel. Ein großer rotbrauner Vogel kreist hoch über den, von dichten Nebelschwaden
durchzogenen, Maisfeldern, hält einen Augenblick inne und stößt lautlos in die Tiefe. Tommy klatscht in seine riesigen Hände, breitet die Arme aus und rennt im Zickzack über den Hof. Als er neben
mir gelandet ist, grinst er bis zu den Ohren.
Ich lächle. „Möchtest du mal das Meer sehen Tom?"
Er zuckt mit den Schultern und zeigt fragend auf mich. Ich nicke. Ja, das würde ich wirklich gerne.
*
Das nächste Mal reißen mich die blechernen Gongschläge aus dem Schlaf, die uns zum Antreten in den Hof rufen. Ich liege auf meiner schmutzigen Matratze. Die Schwellungen in meinem Gesicht sind
zurückgegangen und ich kann meine Augen fast problemlos öffnen, aber ich fühle mich immer noch wie ein einziger Splitterhaufen. Tom ist gerade bei dreizehn angelangt, als Dario unsere Hütte
betritt.
„Hey Idiot, komm endlich!", blafft er Tommy an, der halb über mir liegt und sich an meiner Hüfte fest klammert. Er schüttelt den Kopf „... achtzehn ..."
Dario zieht seinen Gummiknüppel zärtlich aus dem Halfter, das er sich extra dafür angefertigt hatte,
„... zweiundzwanzig ..."
tritt betont langsam zu uns,
„... sechsundzwanzig ..."
setzt sein fieses Grinsen auf
„... neunundzwanzig ..."
und holt aus.
Ich fasse unter Toms Kinn. Er sieht zu mir auf und ich nicke: „Geh!". Er lässt mich los und ist schon halb aufgestanden, als Dario ihm von hinten den Knüppel in die Kniekehlen schlägt. Dann zieht
er ihn an den Haaren hoch, zerrt ihn hinter sich her, schubst ihn zur Tür raus und verpasst ihm noch einen Tritt in den Hintern.
„Gemeines Arschloch!" Es ist nur ein Flüstern, doch Dario hat wirklich gute Ohren. Er dreht sich um und kommt auf mich zu. Ich sehe aus den Augenwinkeln noch einen dunkelgrauen Mantel an der Tür
vorbei wehen, spüre einen kühlen Luftzug und fast zeitgleich das harte Gummi an meiner Schläfe.
Zwei
„Ein wirklich feines Exemplar. Wie jung es noch ist. Was für zarte Haut es hat und sein weiches Haar."
„Aber es scheint kaputt zu sein!?"
„Ach, papperlapapp. Es ist nicht kaputt, es ist nur beschädigt."
„Ob wir's wohl reparieren können?"
„Wir werden sehen, wir werden sehen ..."
In meinem Kopf hämmert und dröhnt es, während ich vergeblich versuche mich aufzurichten.
„Gut, sehr gut, es rührt sich."
Ich spüre Hände auf meiner Haut; auf meiner Brust, meinen Armen, zwischen meinen Beinen.
„Wusste ich's doch, es funktioniert noch!"
Ich will etwas sagen, aber meine Zunge klebt an meinem Gaumen, so dass ich nur unverständliche Laute hervor bringe. Ich muss husten und bekomme keine Luft mehr. Mein Körper wird unsanft nach oben
gerissen und ich bestehe nur noch aus Schmerzen.
*
Essensgeruch steigt mir in die Nase und mein Magen gibt ein verärgertes Knurren von sich. Tommy sitzt im Schneidersitz vor mir, lächelt mich an und hält mir einen verbeulten Becher an den Mund.
Ich öffne meine spröden Lippen und trinke vorsichtig ein paar kleine Schlücke der dampfenden Flüssigkeit. Die heiße Brühe rinnt meine Kehle hinunter und ich gebe ein zufriedenes Grunzen von
mir.
Ich stütze mich auf meine Ellebogen und sehe mich um. Wir befinden uns auf einer Lichtung, umgeben von riesigen, uralten Bäumen. In unmittelbarer Nähe flackert ein behagliches Feuer.
„Hast du mich hierher gebracht?"
Tommy nickt. Er deutet stolz auf seinen Rücken, tut so als ob er etwas schultert und stapft einmal rund um die Feuerstelle. Dann greift er in seine Hosentasche, zieht ein schmutziges Tuch hervor,
wickelt es auf und streckt mir grinsend ein Blut verkrustetes Ohr entgegen.
Ich denke angestrengt nach - das Letzte, an das ich mich erinnere ist Darios dämliche Visage und den darauffolgenden Schmerz. Hinter mir knacken Zweige und ich drehe mich erschrocken um.
„Ah, es ist wach. Gut, sehr gut! Und hat es gegessen? Es muss essen, dass es zu Kräften kommt!"
Die Gestalt erwartet offenbar keine Antwort - ich wäre auch zu keiner fähig - und beugt sich über mich. Ihr wettergegerbtes Gesicht, in dessen Zentrum eine schmale, bis über die Oberlippe
reichende Nase meinen Blick auf sich zieht, scheint nur aus Falten zu bestehen. Ich habe noch nie etwas so altes gesehen. Die Kreatur trägt einen langen, ledernen Umhang und in ihrem bis zu den
Hüften reichenden Haar, stecken große, rostrote Federn. Sie - es? - geht um mich herum und befühlt meine Beine, die mit einer, offenbar aus Pflanzen, Kräutern und anderen undefinierbaren,
stinkenden Substanzen bestehenden Masse bestrichen und fest mit starken Gräsern umwickelt sind.
„Es ist jung, es ist stark, es repariert sich fast von selbst. Das ist gut, sehr gut!"
Das Wesen, ich mag es nicht als Menschen bezeichnen, geht zur Feuerstelle, nimmt ein Bündel riesiger Ratten von seinem Gürtel, legt die toten Tiere auf einen Baumstumpf und beginnt ihnen das Fell
abzuziehen.
*
Hektisch fuchtelt der Mann im grauen Mantel mit seinen dünnen Fingern vor Darios Gesicht herum. Dann packt er ihn am Kragen und zieht ihn so dicht zu sich heran, dass Dario befürchtet, er würde
ihm mit seiner langen, spitzen Nase ein Auge ausstechen.
„Wie konnte das passieren, du unfähiger kleiner Scheißer?" Die hohe Stimme überschlägt sich vor Aufregung.
„Ich kann nichts dafür, es hat mich von hinten überrumpelt." Dario blickt kleinlaut zu Boden und presst seine Hand auf die blutende Stelle, an der mal sein rechtes Ohr gewesen ist.
„Wir müssen sie finden, bevor ein anderer sie findet!"
„Sie müssen nach Osten geflohen sein, ich werde mich gleich auf den Weg machen."
„Nein! Das werden wir selbst in die Hand nehmen. Dein Weg führt in eine ganz andere Richtung: Zu Ihr. Und Sie wird nicht erfreut sein."
Dario versucht seinen Speichel runter zu schlucken, aber selbst dazu fehlt ihm die Kraft. Er steht, vor Angst gelähmt, einfach nur da, denn er weiß sehr genau, was das bedeutet.
*
... Psst ... Sei still! ... Still! ... Verschließ nicht dein Herz und öffne die Ohren ... Der Spiegel ist leer, die Bilder verronnen ... Was morgen begonnen, war gestern schon haltlos verloren
... Die Tür ist verriegelt, dein Schicksal besiegelt und alles mit ihm ... Psst ... Still! ... Still! ...
Ich erwache schweißgebadet, zittere am ganzen Leib und blicke mich suchend um. Das Feuer ist zu einem glimmenden Aschehaufen herunter gebrannt. Tom liegt, wie ein Fötus zusammengerollt, dicht bei
der Feuerstelle. Seine Brust hebt und senkt sich in tiefen, gleichmäßigen Atemzügen. Ich lausche angestrengt in die Dunkelheit. Nichts. Nur Tommys leises Schnarchen.
„Es hat geträumt. Hat es das? Ja, das hat es. Das ist gut, sehr gut!"
Ich fahre erschrocken zusammen und wende mich in die Richtung, aus der die Stimme kommt.
„Träumt es oft, tut es das? Ja, das tut es. Sicher tut es das."
Langsam manifestiert sich die uralte Kreatur, wie ein Nebelschwaden, aus der Dunkelheit des Waldes und schlurft auf mich zu.
Ich träume wirklich oft. Doch noch kein Traum war mir so real, so greifbar erschienen, wie dieser. Ich schmecke noch immer das Salz auf meinen Lippen und streiche unwillkürlich mit meinen Fingern
darüber. Obwohl ich mir sicher bin, noch nie am Meer gewesen zu sein, kann ich mich daran erinnern. Das ist verrückt und es macht mich verrückt.
„Es muss sich seiner Träume bewusst werden, dann zeigen sie ihm den Weg. Ja, das tun sie."
Meine Furcht weicht der Neugierde.
„Was für einen Weg, wohin?"
Ich blicke der Kreatur fragend in die großen, leuchtenden Augen.
„Der Weg, der ihm bestimmt ist. Um zu trennen was untrennbar scheint und um zu finden, was nicht gefunden werden kann."
Das Wesen spricht in Rätseln und ich werde ungeduldig.
„Kannst du das nicht genauer erklären? Ich möchte es verstehen, ich muss es verstehen!"
„Es ist wissbegierig. Das ist gut, sehr gut! Aber es muss lernen sich in Geduld zu üben. Es wird verstehen, wenn die Zeit gekommen ist. Ja, das wird es. Zur Zeit ... zur Zeit ..." Die Gestalt
verschwindet wieder zwischen den Bäumen und lässt mich mit all meinen Fragen zurück.
*
Meine Knochenbrüche sind fast vollständig verheilt und ich habe die Verbände entfernt. Der unnatürliche Winkel, in dem meine Füße zu den Unterschenkeln stehen, verheißt nichts Gutes, trotzdem
brenne ich darauf, endlich die ersten Gehversuche zu unternehmen. Doch alleine schaffe ich nicht einmal selbstständig zu stehen. - An gehen ist somit nicht zu denken. Mir bleibt also nichts
anderes übrig, als zu warten bis Tommy aufwacht, um mir zu helfen.
Na endlich. Er gähnt als wollte er mich auffressen und klopft sich mit der flachen Hand auf den Bauch.
„Kannst du denn an nichts anderes denken, als deinen Magen?"
Tommy grinst mich verlegen an, schüttelt seinen Kopf und zuckt entschuldigend mit den Schultern. Er geht zur Feuerstelle, legt trockene Äste darauf und bläst vorsichtig in die Glut, bis die
Flamme zu neuem Leben erwacht. Dann nimmt er einen der langen Holzspieße, die daneben im Boden stecken, bringt ihn so an, dass der aufgespießte Rattenkörper im richtigen Abstand über dem Feuer
hängt und setzt sich zu mir.
Wir warten schweigend, bis das Fleisch knusprig und gut durchgebraten ist. So habe ich Zeit, meinen Gedanken nachzuhängen. Da sind zu viele offene Fragen, aber die alte Gestalt lässt sich, seit
jener Nacht nicht mehr blicken und von Tom kann ich keine Antworten erwarten.
Ich denke über meine Träume nach und habe das Gefühl, dass mir die Zeit davonläuft.
*
Die Männer haben ihn in einen der kleinen Käfige gesperrt, die mit Eisenketten an den Felsvorsprüngen befestigt sind, und hoch gezogen. So kann er fast die ganze Höhle überblicken.
Zwei Dutzend von ihnen stehen direkt unter ihm und erhalten ihre letzten Anweisungen.
„Findet die beiden und bringt sie zurück. Das Schwachsinnige ist unwichtig, aber das andere will ich lebend. Verstanden?!"
Der Anführer schreitet zügig die Reihen ab und sein tiefschwarzer, leicht metallisch glänzender Mantel, flattert hinter ihm her. Er unterstreicht seine Worte mit theatralischen, lächerlich
wirkenden Gesten. Doch Dario lacht nicht, er weiß nur zu gut, wozu die dunklen Männer fähig sind.
Dann fühlt er Ihre Anwesenheit. Und Sie ist schon ganz nah. Ein kalter Schauer läuft ihm über den Rücken und trotz der feuchten Hitze, die von den dampfenden Geysiren aufsteigt, zittert und
friert er fürchterlich.
Die Mantelträger haben Sie auch gespürt, denn sie treten ehrfürchtig zur Seite.
„Los, los! Geht und bringt es mir zurück!", ruft der Mann in Schwarz und die anderen setzen sich in Bewegung, immer darauf bedacht, Ihr nicht in die Quere zu kommen.
*
Wir haben unser Frühstück beendet und Tommy macht einen sehr zufriedenen Eindruck.
„So. Können wir jetzt endlich anfangen?"
Tom nickt, springt sofort auf, fasst unter meine Arme und zieht mich hoch. Ich beiße die Zähne zusammen. Die Schmerzen sind erträglich, bis ich versuche zu gehen. Meine Beine knicken ein und ich
wäre mit meinem Kopf auf den Baumstumpf geschlagen, der uns als Tisch dient, wenn Tommy mich nicht gehalten hätte. Es ist zwecklos.
Wir sollen uns auf den Weg machen, - ein Geistig zurück gebliebener und ein Krüppel. Ich lache laut auf. Ich habe keine Ahnung, wie wir das bewerkstelligen könnten.
Tom setzt sich ans Feuer, stochert mit einem Ast in der Glut herum und zählt leise vor sich hin, als das uralte Wesen endlich zurückkommt. Es scheint sehr aufgebracht zu sein. Seine langen Ohren
sind steil aufgerichtet.
„Es muss gehen, heute noch. Viel zu früh! Das ist schlecht, sehr schlecht. Aber sie werden kommen es zu holen. Und Sie wird sie begleiten ... Schlecht, schlecht ... sehr schlecht ..."
„Aber wohin soll ich gehen? Und wie soll ich etwas finden, wenn ich nicht mal weiß, wonach ich suchen muss?"
„Es soll still sein! Still!"
Die Gestalt eilt an mir vorbei, holt einen großen, dunkelbraunen Beutel unter ihrem Umhang hervor und beginnt geschäftig darin herumzuwühlen. Sie nimmt verschiedene Substanzen heraus, wirft sie,
nach gründlicher Begutachtung, in einen alten, angerosteten Zinkkessel und stellt ihn aufs Feuer. Schon bald brodelt darin eine widerlich stinkende, zähflüssige Masse.
*
Die dunkle Schar verlässt die Höhle in Richtung Osten. Der Wind peitscht durch die Maisfelder und reißt an ihren langen Mänteln, so dass sie, gleich riesiger Schwingen, die hageren Körper
umwehen. Am Himmel kündigen große, schwere Wolkenberge ein Unwetter an.
Direkt in ihrer Mitte: Sie. Groß, schlank und von furchterregender Schönheit; ganz in samtenes Schwarz gehüllt. Doch die Dunkelheit, die sie umgibt schien nicht von ihrer Kleidung auszugehen,
sondern vielmehr direkt aus ihr herauszuströmen.
*
Die Gestalt sitzt bewegungslos neben der Feuerstelle und ist nur noch schemenhaft zu erkennen. Aus dem brodelnden Gebräu wabert Dampf und bedeckt bald den gesamten, moosigen Waldboden. Tommy
hockt, dicht an mich gedrängt, zu meinen Füßen und wischt sich mit dem Ärmel die Tränen aus den geröteten Augen. Der Rauch brennt wie Feuer in meinen Lungen. Ich habe Mühe zu atmen und fühle mich
dem Ersticken nah.
Da zieht sich der Nebel zusammen, konzentriert sich um das uralte Wesen, umhüllt es, so dass es vollkommen verschwindet, steigt dann säulenartig hoch und immer höher, bis zu den Kronen der
riesigen Bäume, durchbricht das dunkelgrüne Blätterdach und schießt in den Himmel; begleitet von dunklem Donnergrollen.
Tommy umfasst meine Beine und verfolgt das beeindruckende Schauspiel mit ängstlichen Blicken.
Als der Dunst sich lichtet, sehe ich, dass die Kreatur sich aufgerichtet hat. Die Arme und ihren Umhang zur Seite gestreckt, steht sie hinter dem Kessel und blickt mich mit leuchtend,
orangefarbenen Augen an.
„Das wird sie aufhalten, doch nicht sehr lange. Es muss gehen und zwar jetzt gleich!"
„Wie denn?" Ich schlage mir mit den Fäusten wütend auf die Oberschenkel. „Wie soll ich denn gehen?"
Das alte Wesen senkt die Arme, schlingt den langen Umhang um seinen Körper, geht langsam um das heruntergebrannte Feuer und tritt zu uns. Es ist sichtlich erschöpft; Schweißperlen stehen auf
seiner zerfurchten Stirn und es zittert leicht. Dann geht es in die Knie und blickt Tommy einige Sekunden tief in die Augen.
„Es weiß was es zu tun hat? Ja, das weiß es. Sicher weiß es das."
In Toms Gehirn beginnt es spürbar zu arbeitete. Es dauert einige Zeit, dann kann man förmlich sehen wie ihm ein Licht aufgeht. Sein ganzes Gesicht beginnt zu strahlen, er schlägt sich einige
Male, fest auf die linke Schulter und nickt heftig.
*
Der Sturm reißt und zerrt an den langen Mänteln. Die dunklen Männer stemmen sich den Naturgewalten entgegen, doch sie werden bei jedem zweiten Schritt den sie nach vorne tun, einen
zurückgeworfen. Sie hätten sicherlich schon aufgegeben, doch die Furcht vor Ihr treibt sie immer weiter.
Sie zeigt sich von Wind und Regen völlig unbeeindruckt. Ihre Kleider reichen bis über ihre Füße, so dass sie über die Felder zu schweben scheint. Ihr langes, schwarzes Haar umweht sie wie
Schilfgras, das sich in einer lauen Sommerbrise wiegt; als fürchte sich selbst der Sturm, ihr zu nahe zu kommen.
Gewaltige Blitze durchzucken den Himmel und begleitet von einem besonders lauten Donnerschlag stößt ein rostroter Vogel aus den Wolkenmassen. Er stürzt direkt auf Sie zu, streifte ihr Gesicht mit
seinen Krallen und reißt ihr das rechte Auge aus der Höhle.
*
Tommy läuft aufgeregt am Rand der Lichtung umher, klaubt Zweige und feste Gräser zusammen und setzt sich mit seinen Fundstücken neben mich. Er verbindet alle Teile und unsere Gürtel mit
geschickten Fingern zu einem recht stabil wirkenden, provisorischen Tragegestell. Als er damit fertig ist, präsentierte er mir stolz sein Werk und ich lächle ihn an; den Daumen anerkennend in die
Höhe gestreckt.
Er schlingt mir das Gebilde um Rücken und Gesäß. Dann kniet er sich hin, so dass ich auf sein breites Kreuz steigen kann, verschließt die beiden Ledergürtel vor seiner Brust, rückt mich zurecht
und erhebt sich schnaufend und leise stöhnend.
Die uralte Gestalt kramt einen kleinen Beutel unter ihrem Umhang hervor und reicht ihn mir. Doch als ich ihn öffnen will schüttelt sie vehement den Kopf.
„Die Zeit drängt. Ja das tut sie. Es muss nach Süden gehen und nach den steinernen Siedlungen des alten Volkes suchen. Dort wird es Antworten finden. Ja das wird es, sicher wird es das. Nun geht,
geht ..."
Das Wesen wartet keine Antwort ab, dreht sich um und läuft eilig in westlicher Richtung davon. Ich starre noch einige Augenblicke auf die dicken Baumstämme, hinter denen es verschwunden
ist.
Das alte Volk. Ich habe schon Geschichten darüber gehört, sie aber immer für Legenden gehalten. Wenn es diese Siedlungen tatsächlich gibt, müssen sie Meilenweit entfernt sein.
„Kennst du die Himmelsrichtungen, Tommy?"
Tom nickt und deutet nach Süden.
„Das wird ein sehr langer, beschwerlicher Weg. Denkst du, du kannst mich so weit tragen?"
Er dreht sein Gesicht nach hinten, grinst mich an und blinzelt mir zu. Dann stehen wir eine Weile unschlüssig da, als warteten wir auf ein Startzeichen, bis uns ein langgezogenes, schrilles
Krächzen aus der Starre reißt. Meine Nackenhaare stellen sich zu Berge und Gänsehaut überläuft meinen ganzen Körper.
Ich frage mich, welches Tier wohl im Stande ist, einen solchen furchteinflößenden Schrei auszustoßen. Doch bevor ich den Gedanken richtig zu Ende führen kann, setzt sich Tommy in Bewegung und
rennt, ohne die knorrigen Äste zu beachten, die ihm an die Schienbeine schlagen, wie der Wind durchs Unterholz.
Simone Keil